Auch behinderte Menschen sind Spender ...
… wenn man sie spenden lässt. Immer noch gibt es bei den Internetauftritten der NPOs zu viele Barrieren. Zu diesem Schluss kommt der Fundraiser und Sozialarbeiter Stephan Jacobs in seiner Abschlussarbeit bei der Fundraising Akademie Frankfurt.
Herr Jacobs, wie kamen Sie auf dieses Thema für Ihre Abschlussarbeit?
Stephan Jacobs: Das Thema war für mich sehr nahe liegend, denn durch mein besonderes Interesse für Themen, die mit Computer und Internet zu tun haben, galt in der Ausbildung zum Fundraiser dem Database-Marketing und dem Internet-Fundraising meine entsprechende Aufmerksamkeit. Hinzu kommt, dass ich als Internet-Surfer mit Sehbehinderung die alltäglichen Hindernisse im Internet für Menschen mit Behinderungen kenne.
Sie stellen die These auf, ein barrierefreier Zugang zum Internet erschließe neue Spenderpotenziale auch bei Nicht-Behinderten, beispielsweise Senioren.
Stephan Jacobs: Die Gruppe der Senioren habe ich genannt, weil diese eine größer werdende Gruppe bei den lnternet-Nutzern ist und im Alter Fehlsichtigkeiten häufiger vorkommen. Sie gehören deshalb nicht gleich zu den Menschen mit Behinderung, aber wenn eine Website für diese Gruppe zur visuellen Herausforderung wird, dann wird die Wahrscheinlichkeit einer Spende sicherlich geringer Außerdem werden barrierefreie Websites im Ranking einer Suchmaschine höher eingestuft, denn den textorientiert arbeitenden Suchrobotern gelingt so eine bessere Auswertung.
Was genau bedeutet die barrierefreie Nutzung des Internets?
Stephan Jacobs: Weit verbreitet ist die Nutzung von Javascript, beispielsweise für Pull-DownMenüs. Neben den schönen optischen Effekten haben alle diejenigen, die mit ihrem PC kein Javascript nutzen wollen oder können, keine Möglichkeit, die Seite überhaupt zu bedienen. Ein Problem hierbei ist auch, dass die Schrift hier, wie auch bei grafisch gestalteten Buttons und PDFs, nicht in einem Textformat angezeigt wird. Blinde können mit ihrem PC aber nur reine Textformate lesen. Sehbehinderte können sich bei Grafikformaten und fest eingestellten Schriftgrößen und Farben eine Website nicht so anzeigen lassen, wie es für sie optimal wäre. Für viele Körperbehinderte stellen Pull-Down-Menüs eine oft unüberwindbare motorische Herausforderung dar, denn die alternative Bedienung über Tastaturkürzel ist auf solchen Seiten in aller Regel nicht möglich.
Auf welchen Wissensstand oder gar welche Widerstände bei den NPOs sind Sie bei ihren Recherchen zu diesem Thema gestoßen?
Stephan Jacobs: Das Wissen und die Sensibilität für das Thema der Barrierefreiheit in der Informationstechnologie sind noch sehr gering. Dabei macht es keinen Unterschied, in welchem Bereich eine NPO tätig ist, denn auch NPOs der Behindertenselbsthilfe sind hier in der Regel nicht besser als andere. Vorbehalte bestehen gegenüber den angeblich entstehenden Kosten für die Barrierefreiheit. Diese sind jedoch unberechtigt, denn zum einen entstehen viele Barrieren nur durch Nachlässigkeiten bei der Programmierung von Webseiten und zum anderen könnte die barrierefreie Umgestaltung mit dem nächsten ohnehin fälligen Relaunch erfolgen. Das zweite Argument dagegen ist das Layout, welches angeblich nicht den heutigen ästhetischen Ansprüchen gerecht werden kann. Unter Nutzung aller technischen Möglichkeiten können jedoch ansprechende Websites entstehen und diese Befürchtungen widerlegt werden.
Was können NPOs tun, um ein barrierefreies Online-Fundraising zu ermöglichen?
Stephan Jacobs: Am Anfang sollte eine gute Beratung durch einen Berater für Barrierefreiheit stehen. Es gibt nur wenige Internet-Agenturen und Webdesigner, die sich mit dem Thema Barrierefreiheit wirklich gut auskennen. Erst danach kommen die Web-Programmierer für die Planung und Umsetzung hinzu. Als Ziel sollten NPOs eine Website anstreben, die den Anforderungen der Verordnung für barrierefreie Informationstechnologie entspricht. Empfehlenswert ist, die Verwendung eines Content-Management-Systems mit der Umgestaltung der Website einzuführen. Eine solche Software reduziert die Dienste von Webdesignern auf die grundlegenden Einstellungen des Layouts. Zur Veröffentlichung der multimedialen Inhalte benötigen die Mitarbeiter keine Programmierkenntnisse, denn die Bedienung ist ähnlich einfach wie die einer Textverarbeitung.
