Payroll-Giving: Mit kleinen Schritten Großes bewirken
Es war einmal eine Stadtverwaltung in Niedersachsen, die sich aufmachte Gutes zu tun. Ganz selbstlos - ohne Steuererhöhung oder Gebührenänderung. Allein auf Initiative ihres Personalrates. Dieser hatte die Idee, dass es nicht immer die großen Summen eines einzelnen sein müssten, um soziales Engagement zu leisten. Sondern dass auch Groschen und Pfennige, also „viel Kleinvieh genügend Mist machen kann“. Oder anders ausgedrückt, wenn sich viele städtische Bedienstete bereit erklären würden, regelmäßig die „krummen Pfennigbeträge“ rechts vom Komma ihrer monatlichen Entgeltabrechnung einem guten Zweck zufließen zu lassen, sollte sich das Gesamtergebnis durchaus sehen lassen können. Und so kam es, dass die kleine Stadt in Niedersachsen seit 1987 ganz Großes bewirkt.
Eine Idee war geboren
Die Stadt heißt Salzgitter. Der Initiator der Restpfennig-Aktion war der Gesamtpersonalrat. Verkündet wurde die neue Idee des kollektiven Spendens vom damaligen Oberstadtdirektor Detlef Engster - und viele Mitarbeiter folgten seinem Aufruf. In den 21 Jahren seit Bestehen der Initiative flossen bis heute fast 44.000 Euro in die gemeinnützige Projektarbeit. „Das Engagement ist nach wie vor groß“, freut sich der amtierende Vorsitzende des Gesamtpersonalrates Axel Klempin. „Von den rund 1.800 Bediensteten beteiligen sich aktuell etwa 400 regelmäßig.“ Der bürokratische Aufwand hielt sich in Grenzen, weiß Klempin. „Die notwendige Software für die Lohn- und Gehaltsbuchhaltung war schnell angeschafft. Die Vordrucke zur Teilnahme an der Restcent-Aktion können sich die städtischen Mitarbeiter seither im Intranet downloaden. Die monatlich abgebuchte Spende wird regelmäßig auf dem Gehaltsstreifen ausgewiesen.“ Fast 17 Jahre unterstützte die Stadt die Arbeit der Welthungerhilfe. „In den ersten Jahren des neuen Jahrtausends verlor dieses internationale Projekt jedoch an Interesse“, erinnert sich der Personaloberste, „weshalb entschieden wurde, ein lokales Projekt zu suchen.“ Dies wurde in einem örtlichen Hospiz gefunden. Seither steigt die Teilnahmequote.
Nachahmer gesucht
Payroll-Giving, wie die Restcent-Aktion mittlerweile auf Neudeutsch heißt, fand auch bei den Stadtvätern Kölns große Zustimmung. Im April 1990 beschlossen und verkündeten die damaligen Stadtväter Norbert Burger und Lothar Ruschmeier die Initiative. Allein im Jahr 2007 kamen über 40.000 Euro zusammen. Entsprechend einer Grundsatzvereinbarung fließen die Spenden-Cents in humanitäre Projekte der 23 Partnerstädte weltweit. „Eine Spendenquittung wird nicht benötigt“, so Frieder Wolf vom Büro für internationale Angelegenheiten des Oberbürgermeisters. „Jeder Mitarbeiter bekommt die abgebuchte Summe auf seiner Entgeldabrechnung ausgewiesen. Das reicht für die Steuer.“ Von den rund 17.000 städtischen Bediensteten spenden monatlich rund 6.000 „ihren Rest“.
Hamburger „Cent“ wiegen schwer
Was die Rheinländer können, können wir schon lang, sagte sich die Stadt Hamburg und so initiierte 1996 der damalige Bürgermeister Dr. Henning Voscherau die Restpfennig-Zahlung. „Da sich bei uns hier Stadt- und Landesverwaltung decken“, erläutert Wolfgang Grätz aus der Senatskanzlei, „werden regelmäßig über 100.000 Mitarbeiter auf die Aktion aufmerksam gemacht. Rund 20 Prozent beteiligen sich.“ Das Ergebnis kann sich sehen lassen: rund eine Million Euro konnte seit Start der Aktion in die ausgewählten Hilfsprojekte der Partnerstadt León / Nicaragua überwiesen werden. Ein Rechenschaftsbericht informiert regelmäßig die Mitarbeiter über den Verbleib der Gelder und den Fortgang der Projekte.
Ein Anfang ist gemacht
Spenden per Payroll-Giving schafft langfristig Großes, doch wirkt es leider noch viel zu sehr im Stillen. Diese geniale Idee wird bisher in der Nonprofit-Szene kaum bis gar nicht aktiv beworben. Eine Ausnahme machte da die noch junge Kinderstiftung aktion weltkinderhilfe. Sie konnte nach nur einem Gespräch eine Betreibergesellschaft von Altenheimen, die procuritas GmbH, als regelmäßigen Förderer gewinnen. „Durch ein Rundschreiben haben wir alle Mitarbeiter auf diese Möglichkeit des Spendens aufmerksam gemacht“, berichtet Geschäftsführer Eberhard Jach. „Im ersten Schritt haben sich schon 40 von 750 Kollegen gemeldet.“ Die entsprechene Umstellung der Lohnbuchhaltung wurde zum Jahreswechsel 2008 vorgenommen.
Den Zweck befördern
Vielen Firmen und Unternehmen scheint es nach wie vor verborgen, wie minimal der Aufwand diese Form des Spendens ist. Sonst hätten sie Payroll-Giving sicher längst auf ihrer Agenda. Damit sich dies ändert, hat die Veda GmbH, einer der führenden Software-Hersteller, ein Standardmodul für Lohn- und Gehaltsbuchhaltungen entwickelt. „Die Idee der Restcent-Aktion ist einfach bestechend“, so der Kommentar des Geschäftsführers Klaus Pohlmann. „Wir möchten dazu beitragen, das soziales Engagement von noch mehr Menschen getragen wird.“ In diesem Zusammenhang zitiert Pohlmann gern den Philosophen Georg Friedrich Hegel: „Meinen Zweck befördernd befördere ich das Allgemeine, und dieses wiederum befördert meinen Zweck.“ BLI

