Fundraising ist mehr als Geldtransfer
Viele Einrichtungen der Kultur, des Sozialwesens, der Bildung und des Sports stehen ohne die Unterstützung von Spendern und Sponsoren vor dem Aus.
Eine neue Kultur des Gebens und Nehmens
Richard Radcliffe ist Experte auf dem Gebiet des Fundraising durch Hinterlassenschaften. Er erzählt, im frühen Mittelalter seien etwa acht Prozent der Erbschaften an die Kirche gegangen. „Im 13. Jahrhundert aber erfand sie das Fegefeuer, danach gingen 80 Prozent der Erbschaften an die Kirche.“ Für Radcliffe ein gutes Beispiel dafür, wie man durch kreative Einfälle seine Einnahmen steigern kann. Immer mehr Museen und Theater suchen händeringend nach solchen guten Einfällen. Denn seit das Geld aus den öffentlichen Kassen immer spärlicher fließt, ist man auf Unterstützung durch Sponsoren und Förderer angewiesen.
Trotzdem ist der Anteil von Spenden und Sponsoring am Gesamtetat der meisten Kultureinrichtungen gegenwärtig noch sehr gering. Eine stärkere Öffnung gegenüber neuen Unterstützern aber bietet Museen und Theatern die Chance, sich zusätzliche Gestaltungsspielräume zu eröffnen und zugleich bürgerschaftliches Engagement sichtbar zu machen. Einen solchen Weg geht das jüdische Museum in Berlin. Anders als andere Museen leistet es sich eine Development- und Marketing-Abteilung. Fünf Mitarbeiter sind ausschließlich für die Spender- und Sponsorenakquise, die Entwicklung und Betreuung von Partnerships und die Gesamtvermarktung tätig. In den meisten anderen Kultureinrichtungen kümmert sich die noch die Geschäftsführung selbst oder in die PR-Abteilung um die Mitteleinwerbung.
Klaus Siebenhaar leitet die Marketing Abteilung des Jüdischen Museums „Um die kulturelle Vielfalt Deutschlands zu erhalten, brauchen wir bei abnehmenden staatlichen Zuschüssen mehr Bürgerengagement“, sagt er. Mit Methoden, die man bislang nur aus den USA kennt, regt er erfolgreich das Engagement an: Beim jährlichen Empfang des Museums zahlt man für einen Tisch zwar 5000 bis 20.000 Euro, dafür diniert man aber auch exklusiv mit den Spitzenvertretern der Berliner Republik. Im Museumsfoyer listet eine Tafel besonders großzügige Spender auf. „Es heißt, in Deutschland macht man so etwas nicht“, erklärt Siebenhaar. „Aber das ist Unfug, für das jüdische Museum funktioniert das wunderbar.“
Siebenhaar ist überzeugt davon, dass sich auf Dauer alle Kulturveranstalter umorientieren und ihre Finanzierung durch Fundraising sichern müssen. „Dabei müssen wir uns von einer Lüge verabschieden: Die Zukunft liegt nicht im Kultursponsoring durch Unternehmen.“ Tatsächlich zeigen die Erfahrungen aus den USA, dass der größte Teil der Spenden von Privatleuten kommt. Die aber wollen für ihr Geld auch etwas geboten bekommen. „Wir brauchen nicht nur eine neue Kultur des Gebens, sondern auch des Nehmens“, sagt Siebenhaar. Mit anderen Worten: Neue Ideen sind gefragt.
