KLINGELING! Die Sammelbüchse
Die Sammelbüchse ist die Mutter des Fund-Raisings. Sie ist seit über 800 Jahren auf Tour und sammelt Geld für gute Zwecke. Bis heute läuft bei vielen NPOs nichts ohne sie.
Sie ist meist rund, versehen mit einem verplomptem Deckel, ausgestattet mit einem Einwurfschlitz für Münzen und einem kreisrunden Loch für gerollte Scheine. Die Sammelbüchse ist der klassische Behälter für das Spendensammeln im öffentlichen Raum. Die Geschichte dieses ersten Fundraising-Instruments beginnt um 1200. In Europa gründeten sich in dieser Zeit innerhalb und außerhalb der christlichen Kirche die Bettelorden. Die reformerischen Armutsbewegungen außerhalb des Klerus, wie die der Katharer auf dem Balkan oder der Albigenser im Südwesten Frankreichs, wurden als ketzerisch verteufelt, verfolgt und vernichtet. Die innerkirchlichen Bewegungen dagegen sind uns bis heute unter dem Begriff „Bettelorden“ bekannt: die Dominikaner, die Franziskaner oder auch die Karmeliter.
Die Armutsbewegungen der Bettelorden fanden in der Bevölkerung großen Anklang, richtete sie sich doch gegen den Prunk, das Machtgebaren und die Völlerei der Kirchenoberen. Die Bettelmönche entsagten allem Reichtum und irdischen Besitz. Dennoch benötigten sie Mittel, um ihre Klöster zu bewirtschaften oder eine Kapelle zu bauen. Sie gingen sammeln für den guten Zweck – mit einem extra dafür vorgesehenen Behälter, dem Vorläufer der Sammelbüchse.
Erste Fundraising-Experten
Das Spendenwesen in Deutschland erwacht mit dem Entstehen der großen Städte im 12. Jahrhundert. Einer Zeit, in der der Handel und damit der Geldfluss mit anderen Wirtschaftsmetropolen und Regionen Europas zu blühen beginnt. Wegweisend dabei ist die Kirche, die als einzige zentralisierte Institution der damaligen Zeit über ausgebildetes Personal und fortgeschrittene Sozialtechniken verfügt. Durch zentral angeordnete Sammlungen, unter anderem auch durch die Bettelorden, wurden Mittel für den Bau von Kirchen und Klöstern aufgebracht, für Kriege, für den Bau von Wegen und Brücken etc. Ein früher Höhepunkt des kirchlichen Fundraisings war die von Papst Innozenz III. zur Jahrhundertwende 1199/1200 angeordnete Sammlung zur Finanzierung des vierten Kreuzzuges.
Missbrauch von Spendengeldern
Um die Effizienz zu steigern, wurde der Ablass eingesetzt, mit dem sich Sünder von ihren irdischen Verfehlungen freikaufen konnten. „Gespendet“ wurde in speziell in den Kirchen aufgestellten Opferstöcken. Nur der päpstliche Beauftragte durfte diese öffnen.
Schon immer lagen Nutzen und Missbrauch nah bei einander. Im Laufe der Jahrhunderte verkam der Ablass zu einem kommerziellen Handel mit maßlosen Auswüchsen. Die Päpste in Rom und ihr Hofstaat finanzierten plötzlich ihren ausschweifenden Lebensstil mit Spendengeldern. Der Aufschrei aus dem Volk war nur eine Frage der Zeit.
Hilfe zur Selbsthilfe
Doch zurück zur Sammelbüchse. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert wurde das Spendensammeln in Deutschland zum Massenphänomen. Das Land bestand noch aus vielen kleinen, feudalen Einzelstaaten, deren Reichtum im Landbesitz des Adels und auch der Kirche gründete. Kapitalanhäufung in privater Hand war kaum möglich. Das aufstrebende Bürgertum strebte das Ziel einer Nation an. Nationale Selbstorganisation gegen die Abhängigkeit von der Gnade des Fürsten oder des Königs waren an der Tagesordnung.
Land auf, Land ab wuchsen Vereine heran, die das Prinzip der Selbsthilfe auf ihre Fahnen schrieben. So wurde beispielsweise der Wiederaufbau des Kölner Doms (1841 bis 1880) zu einem nationalen Anliegen. Mehr als hundert Dombauvereine sammelten in allen deutschen Ländern für die Kathedrale am Rhein als nationales Monument.
Die Sammelbüchse ist auch heutzutage aus dem Straßenbild nicht mehr wegzudenken. Sie ist anerkannt und selbsterklärend, ihr Inhalt, wenn auch quantitativ mit Großspenden nicht zu vergleichen, mindestens ebenso wertvoll.

