Bürgerstiftungen
Fundraising im Blut: Seit 1996 gibt es Bürgerstiftungen in Deutschland, gebildet nach dem US-amerikanischen Vorbild der Community Foundation.
Als Reinhard Mohn, ehemaliger Chef der Bertelmann AG, 1996 die erste Bürgerstiftung in Gütersloh ins Leben rief, war dieses Stiftungsmodell noch unbekannt in Deutschland. Er spendete zusammen mit der Bertelsmann AG zwei Millionen D-Mark und initiierte so die Gründung der „Stadt Stiftung Gütersloh“. Heute gibt es 147 Bürgerstiftungen, mit einem Kapitalvolumen von 55 Mio. Euro und mehr als 16 Mio. Euro Fördervolumen für gemeinnützige Zwecke und Projekte. 103 Bürgerstiftungen tragen das Gütesiegel des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen. Da der Begriff Bürgerstiftung nicht geschützt ist, hat der Bundesverbands Deutscher Stiftungen ein Siegel entworfen. Es sorgt für Klarheit darüber, welche Stiftung eine Bürgerstiftung ist und ob sie der geforderten Transparenz und Unabhängigkeit von Interessengruppen gerecht wird. Seit dem Jahr 2000 gibt es ein Zehn-Punkte-Blatt, worin eine Bürgerstiftung eindeutig definiert wird.
Merkmale einer Bürgerstiftung
Die Hauptmerkmale: Der Stiftungszweck ist breit angelegt, es werden Projekte aus verschiedensten Bereichen gefördert. Gearbeitet wird auf regionaler Ebene, wobei eine Bürgerstiftung unabhängig von einzelnen Interessengruppen ist. Eine weitere Facette ist kontinuierliches Wachstum. Und Bürger haben die Möglichkeit zur Mitsprache; durch Zustiftung einer gewissen Summe, die in der Satzung festgelegt wird, dürfen sie bei Entscheidungen mitbestimmen. Das ist für viele Zustifter attraktiv: Etwas bewirken können bietet einen besonderen Anreiz, zu stiften.
Practice at it’s best
Um stetig wachsen und zusätzlich operativ tätig sein zu können, brauchen Bürgerstiftungen neben Zustiftungen auch Spendengelder. Dazu ist gutes Fundraising notwendig, und genau das scheinen Bürgerstiftungen im Blut zu haben.
Ein Beispiel einer solchen Erfolgsgeschichte ist die Bürgerstiftung Wiesbaden. Sie schaffte es, ihr Stiftungskapital in nur drei Jahren von 200.000 auf eine Millionen Euro zu erhöhen. „Dabei wirkt vor allem die persönliche Ansprache des eigenen Netzwerkes“, so der erste Vorsitzende Thomas Michel. „Einen erheblichen Anteil an dieser Summe hatte die Stadt Wiesbaden, zu der wir den Kontakt sehr pflegen“, fügt er hinzu.
Einsatz steigert Umsatz
Ein weiteres Vorbild für engagiertes Fundraising ist die „BürgerStiftung Region Ahrensburg“: Der erfolgreiche ehemalige Unternehmer Joachim Freitag (65) ist heute Geschäftsführender Vorstand und leidenschaftlicher Fundraiser der Stiftung. Er wirbt mit Herz und Seele für seine Projekte wie „Kinder & Lesen“, bei dem geschulte Ehrenamtliche gemeinsam gegen Analphabetismus bei Kindern kämpfen. „Ich spreche die potenziellen Spender und Zustifter immer persönlich an und schreibe ihnen im zweiten Schritt einen Brief“, sagt Freitag enthusiastisch. Wer danach noch nicht überzeugt ist, den ruft er noch einmal an, bis es zu einem persönlichen Gespräch kommt. Rund ein Drittel kann er so für Zustiftungen und Projekte „erwärmen“. Auch hier gilt: Das eigene Netzwerk der Stiftungsbeteiligten ist Sozialkapital. Doch spricht Freitag auch externe Firmen, die er schlicht aus dem regionalen Branchenbuch aussucht, auf diese Art erfolgreich an.
Public Fundraising
Anke Hölscher, Geschäftsführerin der „Lingener Bürgerstiftung“, weiß, dass es nicht die eine erfolgreiche Maßnahme beim Fundraising gibt. „Die Summe der einzelnen Projekte macht am Ende das Ganze aus“, sagt sie und schwört dabei auf Innovation: „Man muss sich immer wieder etwas Neues einfallen lassen, um auf sich aufmerksam zu machen“ – wie bei der Fußball-WM 2006. Dort veranstaltete die Stiftung ein Public Viewing und hatte durch Sponsoren und Getränkeverkauf eine beachtliche Summe eingenommen.
Die Fundraising-Instrumente sind insgesamt so vielfältig wie bei anderen Arten von Organisationen auch. Entscheidender USP einer Bürgerstiftung ist jedoch die Möglichkeit zur Mitbestimmung und –gestaltung seitens der Bürger und der regionale Bezug der vielfältigen Hilfsprojekte. Hier liegt die Chance zur Identitätsbildung. Im Blut einer lebendigen Bürgerstiftung steckt echtes Engagement. Damit wirkt das Fundraising Wunder und Reden ist in diesem Falle Gold…

